The Divison, oder “wie ich doch mal mit einem RPG warm wurde”

Ich kaufe mir sehr selten mal auf gut Glück ein Vollpreispiel aus einem Genre, mit dem ich eigentlich nicht zurecht komme. Die Erfolgsquote dabei ist durchwachsen: Die größte Schlappe für mich war damals Stalker, das ich nach dem Verfassen meines Artikels nie wieder angeschaltet hatte. Der größte Erfolg war Watchdogs, das sich entgegen meiner ersten verhaltenen Freunde mit der Zeit noch als ein richtig gutes Spiel entpuppte (vor allem übrigens wegen des “unsympathischen” Protagonisten, vielleicht schreibe ich demnächst auch noch mal auf, wie ich darauf komme).

Jetzt hab ich wieder mal so ein Experiment gemacht, und zwar mit “The Division”. Ich bin kein “Teamshooter”-Spieler, ich wusste, dass das RPG-System dem von Stalker sehr ähnlich ist, ich stehe nicht besonders auf Crafting und ich mag lieber Scifi als (militaristische) Realität. Dennoch hat mich zum einen die Backgroundstory und zum anderen das, was ich von der sehr gelungenen Atmosphäre gesehen habe genug interessiert, um mich trotzdem dafür zu entscheiden.

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Ich wurde tatsächlich nicht enttäuscht: The Division macht viel richtig, was Stalker falsch gemacht hat, der RPG-Kram funktioniert gut und behindert das Spiel nicht, das Setting ist am Ende mehr Scifi als Realität und vor allem hat sich meine Hoffnung auf eine coole Atmosphäre bewahrheitet (ich sags immer wieder: Atmosphäre ist für mich die wichtigste motivierende Eigenschaft eines Spiels).

Klar, es wäre mir lieber gewesen, wenn The Division das Balancing aus RPG und echtem Shooter-Handling mehr zu Gunsten des Shooters ausgerichtet hätte, so wie es Borderlands perfekt getan hat – so passiert eben leider nicht viel, wenn man einen Kopfschuss landet und der Gegner dennoch bloß stur seine Hitpoints runterrechnet. Aber daran kann man sich gewöhnen.

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Klar, es wäre mir lieber gewesen, kein starres Levelsystem zu haben, das mich wie üblich für MMRPGs davon abhält, mit den Freunden zu spielen, mit denen ich eigentlich gerne spielen will, weil wir natürlich ständig zu weit voneinander weggelevelt sind. Aber ich glaube, dass hier noch nachgeregelt wird, immerhin haben viele andere MMO-Shooter gut funktionierende Techniken entwickelt, Missionen für Teams auszubalancieren, indem sie die Spieler- und Gegnerlevels für die Dauer der Mission aneinander angleichen.

Klar, ich hätte auch gerne einen guten Character-Editor gehabt und die 5 Gesichter, drei Hautfarben und 4 Frisuren lassen alle Spieler ziemlich gleich aussehen. Ich hoffe, es kommt auch da noch was nach.

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Aber insgesamt macht das Spiel für mich viel mehr richtig als andere “Open World” Games. Allem voran witzigerweise wegen eines Themas, das momentan von Gamern massiv kritisiert wird: Es gibt dort nämlich nicht diese zigtausend immer gleichen Miniquests und Collectables, die mich z.B bei GTA5 oder auch Watchdogs (bzw generell bei Ubisoft-Spielen) sofort demotivieren, weil ich erstens überhaupt keine Lust auf sinnloses Grinding habe oder 250 Irgendwasse einsammeln will, und zweitens nie das Feedback bekomme, dass ich irgendeinen Fortschritt mache, weil die mit Grindquests zugemüllte Map immer gleich voll aussieht.

Bei The Division haben alle Quests einen Sinn für die Handlung, sind auch nach dreißig Spielstunden nicht langweilig und interessant und zuweilen überraschend aufgebaut und man bekommt ein gutes Gefühl, wenn man mal eine kurze Spielsession einlegt, nur zwei Encounter-Missionen spielt und dennoch sieht, dass sich auf der Karte was getan hat.

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Für Leute wie mich, die Loot-Hunting, Farming und Grinding todlangweilig finden, ist The Division daher großartig. Für Leute, die sowas mögen, nicht. Es ist, als hätte jemand gesagt “Hey, lass uns doch mal was für diese Sorte Spieler machen, die Atmosphäre und Story mögen und nicht immer nur für die Fließband-Gamer.”

Denn genau das haben sie getan: Das Spiel hat derart viel Atmosphäre (die Fließband-Gamer natürlich verpassen, wenn sie einfach nur durchrushen um so schnell wie möglich aufzuleveln): Die Umgebung ist so detailliert ausgestattet. Man läuft durch Straßenzüge, in denen der Müll nicht abgeholt wurde, Papier flattert durch die Gegend, Autos in verschiedenen Stadien des Verfalls stehen herum, man klettert über verlassene Straßensperren und zerrissene Quarantänezelte, die einem zeigen, was hier vorher passiert ist als man noch versuchte, der Lage Herr zu werden. Das Prinzip “show, don’t tell” wird vorbildlich gespielt – man muss nur genau hinschauen.

Und so minimal der Charaktereditor ist, so gut ist dann aber die Immersion und Identifikation mit ihm: Wenn es schneit, bleibt der Schnee auf der Mütze und den Schultern liegen, die Menge der unterschiedlichen Kleidung (die für Spielwerte überhaupt keine Rolle spielt) ist riesig und ich spreche hier nicht nur von zwei Jackentypen mit zig Texturen: Es gibt Winterjacken, Anzugjacken, Daunenjacken, Militärjacken, Ledejacken… und dasselbe geht mit Mützen, Hosen, Oberteilen, Schuhen. Es macht mir so viel Spaß, meiner Spielfigur wie einer Barbiepuppe ständig was anderes anzuziehen.

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Die Story ist auch interessanter als ich dachte: Natürlich geht es erst mal gegen irgendwelche kriminellen Gangs, die die Anarchie in den Straßen ausnutzen und die sind auch die klischeehaften, sehr oft schwarzen Hoodie-Jungs. Aber dann stolpert man über die Cleaner, die wesentlich fieser und gruseliger sind: Ziemlich rechte Fanatiker, die glauben, sie müssten alle Überlebenden, die auch nur den Anschein geben, kontaminiert zu sein, mit ihren Flammenwerfern verbrennen. Die sind dann wirklich böse. Außerdem scheint auch die Division nicht ganz sauber zu sein, denn man ist Teil der zweiten Gruppe Agenten, die in das Krisengebiet geschickt werden und findet beunruhigende Details über die Vorgänger heraus. So wie Tom Clancy’s Militärromane gar nicht so glorifizierend sind wie man glaubt, scheint es auch hier so zu sein, dass man an eine Stelle kommen wird, in der man seine eigene Rolle noch mal hinterfragen muss.

Zuletzt noch ein Punkt, in dem ich seltsamerweise genau das Gegenteil behaupte, als viele andere Rezensionen: The Division lässt sich ganz wunderbar solo spielen. Ich habe bis Level 10 gerade mal bei zwei Missionen andere Spieler dabei gehabt. Das ist auch ganz ok, aber wenn die die Mission schon kennen, nimmt man sich eine Menge Überraschung und man kann auch nicht – wie ich es gerne mache – sehr langsam und bedächtig durch die Gebäude schleichen, weil immer einer vorneweg rennt.

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Nicht falsch verstehen: Es macht schon Spaß, Coop zu spielen. Aber ich spiele die Story-Missionen tatsächlich lieber das erste Mal alleine. Danach machen sie mit anderen auch Spaß (man kann die Hauptmissionen wiederholen). Die Nebenmissionen und Encounters kann man gut sofort mit anderen spielen, denke ich. Aber auch die sind auch solo kein Problem. Ich finde das daher ausgesprochen super, dass The Division mir nicht aufzwingt, mit anderen zu spielen.

Soviel also dazu. Interessant: Wieder habe ich ein Spiel, bei dem mir vor allem genau das gefällt, was andere daran doof finden. Vielleicht ist es deswegen so schwer, Spiele zu finden die “wie für mich gemacht” sind. Es sind eben nicht die Spiele, die der Durchschnittsgamer mag.

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