Durchgespielt: Watch_Dogs

Traditionellerweise brauche ich ja sehr lang, um Spiele durchzuspielen. Weshalb das auch nur selten passiert. Mass Effect hat eineinhalb Jahre gedauert, das erste Borderlands fast zwei. In Borderlands 2 bin ich für meine Verhältnisse durchgerannt, aber für einen normalen Gamer sind 5 Monate natürlich eine Ewigkeit.

Bei einigen Spielen tut es mir auch Leid: Max Payne 3 hab ich bei 92% deinstallieren müssen, weil der Savegame-Bug das Spiel nicht mehr zwischengespeichert hat und ich den Schluss nur noch gesehen hätte, wenn ich den noch offenen Rest in einem Zug durchgespielt hätte. Dragon Age Inquisition zerfaserte irgendwann zu einem Brei aus Nebenquests und Beschäftigungstherapie, was mit meiner Spielgeschwindigkeit dazu führt, dass ich das Gefühl habe, überhaupt keinen Fortschritt mehr zu machen. Auch Bioshock hatte so einen viel zu langen, repetitiven Mittelteil, in dem man vier mal hintereinander dasselbe machen musste.

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Der hauptsächliche Grund, warum das bei mir so lange dauert ist, dass ich an bestimmten Stellen ins Stocken gerate. GTA4 hatte gleich im ersten Drittel eine Verfolgungsjagd, die ich einfach nie hinbekommen habe. Die war aber Pflicht, um in dem Spiel überhaupt weiterkommen zu können. Beim Borderland Pre-Sequel stecke ich fest, weil ich für eine Mission einen Abgrund überqueren muss, aber mit dem Mond-Buggy einfach nicht rüberkomme. Auch bei Watchdogs waren es immer Fahr-Missionen, die dafür sorgten, dass ich das Spiel immer wieder mal mehrere Monate liegengelassen habe. Zum Glück gibt es aber nicht viele davon und die für mich schwierigste kam erst nach drei Viertel der Story. Darum blieb ich am Ende doch dran.

Danach ging es eigentlich recht schnell: Gerade mal vier oder fünf Abende später war ich durch.

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Und hat es sich gelohnt? Auf jeden Fall, ich hab ja schon mal geschrieben, dass ich – im Gegensatz zu vielen Rezensionen von damals – den Protagonisten Ainden Pierce gut spielen kann: Gerade weil er eben nicht der strahlende Held ist sondern eine schwierige moralische Flexibilität an den Tag legt. Weil er eben nicht sympathisch ist, sondern zuweilen ein wirklich blödes Arschloch. Man spielt in solchen Games ja nicht sich selbst sondern eine Rolle. Bei vielen Spielen macht man  es dem Spieler zu leicht, weil der Held cooler, kompetenter und beliebter ist, als man selbst. Hier ist es – bis auf die Hacking- und Fighting-Skills – mal nicht so und alle Zeitschriften, in denen immer gerne die Eintönigkeit und Flachheit von Spielecharakteren bemängelt wird, bemängeln dass Aiden ihnen ja überhaupt nicht sympatisch ist und man sowas ja nicht spielen will.

Was ich auch schon geschrieben hatte war, dass die Story ziemlich Nullachtfünfzehn ist. Das stimmt nur für eine Weile: Die Geschichte wird zur Mitte wesentlich differenzierter und das Ende geht vielen der naheliegenden Klischees, die man vom Beginn vermuten würde, geschickt aus dem Weg.

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Bis auf die seltsame Fahrzeugsteuerung, mit der ich auch bis zum Schluss nie wirklich zurechtgekommen bin, hat wirklich alles, was an Gamemechanik zur Verfügung stand, hervorragend funktioniert.

Auch sehr befriedigend war, dass man es am Ende, komplett geskillt und mit den besten Waffen ausgerüstet, sogar einfacher hatte. Das passte aber auch zur Story, denn man ist ja auch von einer reinen Rachestory in ein unübersichtliches Komplott geraten, das man dann immer mehr aufdröselt und über das man nach und nach die Oberhand gewinnt weil man die Beteiligten herausfindet und die Zusammenhänge erkennt. Da man parallel dazu auch die Skills verbessert und immer kompetenter wird, muss man irgendwann nicht mehr so viele Risiken eingehen sondern kann planvoller vorgehen. Was dazu führt, dass man sich am Ende auch viel mächtiger fühlt als zu Beginn des Spiels.

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Auch Watchdogs hatte allerdings das typische Mitte-des-Spiels-Problem: Es geht interessant los. Man scheucht schnell alle möglichen Gegner auf, trifft interessante Nebenfiguren und baut sich eine Base of Operations in einer alten Fabrik. Ab dann aber wird das Spiel zäh. Das sieht man sogar in der Missionsaufteilung: Der zweite Akt ist viel länger als alle anderen, weil er allein schon aus fast so viele Missionen besteht wie alle vier anderen Akte zusammen. Und die Geschichte geht dabei in ein Schneckentempo. Daher ist dieser Akt auch der, in dem man das Gefühl hat, nur sehr langsam voran zu kommen. Für mich bedeutet das, dass ich in dieser Zeit das Spiel sehr oft über längere Zeiträume liegenlasse – was die Zeit, die man in diesem Akt verbringt natürlich noch länger macht.

Was den zweiten Akt zusätzlich verlangsamt ist, dass das auch noch die Phase ist, in der man die meisten  Nebenquests spielen muss, um das Skill-System zu befüllen, Geld zu verdienen und Equipment zu besorgen. Nicht falsch verstehen, das macht auch wirklich Spaß, vor allem die Gang-Hideouts machen Laune. Aber wenn ausgerechnet dann, wenn man durch mehr Nebenquests zwischen den Story-Missionen längere Pausen hat, die Story zusätzlich auf die Bremse tritt, wird es echt mühselig.

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Sobald man aber dem Ende des zweiten Aktes entgegenkommt, nimmt alles wieder Fahrt auf und der Flow stimmt wieder bis zum Schluss. Es kommen zwar noch ein, zwei Missionen, die nicht wirklich geschickt designed sind: Wahrscheinlich wollte man etwas Abwechslung reinbringen, die vielen freien Gamemechaniken geben das aber nicht so her, weshalb man das nur mit Einschränkungen oder “schummeln” (vor allem in Fahrmissionen schummelt das Spiel generell) hinbekommt. Aber insgesamt hat Watchdogs ab der drittletzten Mission des zweiten Aktes, die als Position für etwa die Hälfte der Story und dreiviertel des Spiels angesehen werden kann, eine durchgehend gute Geschwindigkeit.

Insgesamt als Fazit also: Watchdogs hat mir sehr gut gefallen, die Atmosphäre, die Optik, die Soundkulisse sind top. Die Story hat ihre Schwierigkeiten in der ersten Hälfte, aber die Charaktere sind wesentlich interessanter als viele Rezensenten behauptet haben. Die Spielmechaniken funktionieren hervorragend, ausgenommen das Fahren. Das Finale ist furios, das zweite – ruhigere – Finale eine interessante Wahl, die wahrscheinlich ein wenig davon abhängt, wieviel man bis dahin auch über den Kleinkriminellen, der den Tod der Nichte verursacht hat, herausgefunden hat.

Watchdogs 2 hab ich vorbestellt.

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2 thoughts on “Durchgespielt: Watch_Dogs

  1. Ja, das ist eines der Spiele, die ich noch unbedingt spielen will. Mittlerweile ist es ja recht günstig zu bekommen. Ich fürchte bloß das ich noch sehr viel länger für das Spiel brauchen werde oder gar vielleicht nicht am Ende ankommen werde. Aber egal. Manchmal ist auch der Weg das Ziel. Und hier scheint es sich ja wirklich zu lohnen.

  2. Pingback: Jens’Gaming Review 2016 | kein Halma

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